Wushu-EM 2010 in Antalya – Eine Abrechnung
Die EM 2010 der European Wushu Federation ist Geschichte, Zeit für ein Fazit oder in diesem Fall besser eine Abrechnung. Denn was in diesem Jahr an der EM alles abging, spottet jeder Beschreibung. Doch schön der Reihe nach.
Eigentlich fing ja alles ganz gut an. Am Flughafen wurden wir prompt abgeholt und ins Hotel gefahren. Im Hotel erhielten wir umgehend Zimmerschlüssel und auch ein Sandwich gab es noch, schliesslich war ja schon Mitternacht.
Einen ersten Vorgeschmack auf was noch kommen würde, erhielten wir am Coach- und Teamleader-Meeting. His Royal Arrogance himself, der russische Turnierdirektor zog seine One-Man-Show ab, mischte munter die IWuF- und EWuf-Reglemente durcheinander und verbot in einem Satz Feyue-Schuhe und verlangte 7 Knöpfe an den Uniformen. Als Sahnehäubchen der Arroganz verkündete er zum Schluss, dass Russland in 15 Kategorien nicht antreten würde, um den anderen Nationen eine Chance auf Gold zu lassen… Ich hab’s mal überprüft: Es waren genau die Kategorien, in denen Russland auch an vergangenen EM’s nie an den Start gegangen war. Ach ja, habe ich es schon erwähnt? Der russische Turnierdirektor ist nebenbei russischer Verbandspräsident. Auch die anderen Exekutiv-Komitee-Mitglieder „überzeugten“ durch unglaubliche Kompetenz. Der Präsident ist leider nur noch ein Schatten seiner selbst und bemerkte erst mitten in der Rede, dass er nicht mit den Schiedsrichtern, sondern mit den Coaches und Teamleadern sprach und die ewige Windfahne aus Belgien, redete von mehr Professionalismus und bewies noch während des Turnierverlaufs das Gegenteil.
Neue Rekorde gab’s auch zu verzeichnen. Den ersten Tag verbrachte ich von 08:00 Uhr morgens bis 22:00 Uhr abends in der Sporthalle. Der erste von mir betreute Athlet konnte schliesslich kurz vor 15:00 Uhr starten. Mittag- und Abendessen fielen dann halt aus… Und so ging es Tag für Tag weiter. Dem Fass den Boden aus schlugen aber am letzten Abend die Siegerehrungen. Sie fingen mit fast einer Stunde Verspätung an und endeten kurz vor Mitternacht. Eine unglaublich professionelle Leistung, Mr. Belgium!
Die Wettkämpfe verliefen eigentlich wie immer. Russland, der Rest Europas durfte sich die Brosamen teilen. Wo einige aber nicht mit den Brosamen zufrieden waren (z.B. Andri Koval in der Kategorie Nanquan), wurde das Resultat am Schiedsrichtertisch zurecht gerückt. Schade eigentlich, denn von den Fähigkeiten her, hätten die Russen das gar
nicht nötig. Auch im Sanda gab es einen handfesten Skandal, diesmal mit Schweizer Beteiligung. Obwohl Patrick Schmid seinen türkischen Gegner spitalreif prügelte (der Türke brach kurz nach dem Kampf zusammen, wurde
künstlich beatmet und anschliessend ins Spital gefahren), legten die Türken Protest ein kamen unverständlicherweise Recht (das Reglement sieht eine Umkehrung des Entscheids nicht vor) und traten mit dem spitalreif geschlagenen Kämpfer zum Finale an. In jedem anderen Land hätte ein Arzt den Guten aus dem Verkehr gezogen. Hier durfte er
immerhin 30 Sekunden auf der Kampffläche stehen… Zustände wie in einer Bananenrepublik.
Glücklicherweise gab es noch einige herausragende Leistungen, an denen sich alle unabhängig der Herkunft freuen konnten: Sam Mak aus Grossbritannien beispielsweise zeigte grossartige Standardformen, die etwas vom Feinsten an dieser EM waren. Auch Andri Koval zeigte eine tolle Nanquan-Form, die leider nicht mit der Krönung belohnt wurde.
Von unseren Schweizer Athleten zeigte eigentlich im Formenbereich nur Sami durchwegs stabile Leistungen, die leider nicht mit Medaillen belohnt wurden. Erfreulich auch Lakkhanas Medaille in der Kategorie Daoshu. Im
Kampfbereich hoben sich Priscilla Staubli und Patrick Schmid (der mindestens Silber verdient gehabt hätte) mit ihren
Bronze-Medailengewinnen ab. Den Vogel zum Schluss schoss wiederum der Turnierdirektor ab. Angekündigt waren die Wettkämpfe bis Samstag. Gewusst, dass die Wettkämpfe aber nur bis Freitag gingen hat aber nur das russische
Team. Es reiste am Samstag morgen ab. Alle anderen Nationen blieben so einen Tag länger als nötig in Antalya. Der türkische Verbandspräsident und OK-Chef (der im Übrigen der Einzige war, der seinen Job an dieser
EM gemacht hat)war darüber sehr empört und fühlte sich zurecht über den Tisch gezogen… Es ist zu hoffen, dass der Herr aus Russland damit zu weit gegangen ist, denn diesmal hat er den neuen Geldgeber der EWuF verärgert. Und das dürfte strategisch eher der falsche Schritt gewesen sein.
So sehe ich für das europäische Wushu eine eher düstere Zukunft, falls nicht bald einige Exponenten in Rente geschickt werden. Die Kandidaten für den Ruhestand habe ich bereits erwähnt. Tönt alles etwas bitter? Ja, absolut. Da ich weiss, wie dieser Verband von innen aussieht, besteht aus meiner Sicht auch nicht viel Hoffnung. Trotzdem hoffe ich, dass sich einige Leute zusammentun und für Veränderungen kämpfen, sonst ist Wushu in Westeuropa bald tot.