Ich war mir lange nicht sicher, ob ich etwas zu diesem Thema schreiben soll oder nicht. Ich möchte immer wieder Grösse zeigen und grosszügig über Dinge hinwegsehen, die in meiner „Branche“, den chinesischen Kampfkünsten, immer wieder vorkommen. Aber kann grosszügiges Schweigen immer die Lösung sein? Ich habe nun versucht, ein heikles Thema anzuschneiden, welches mich auch persönlich betrifft und trotzdem sachlich zu bleiben. Ob es mir gelungen ist, weiss ich nicht, doch andererseits war es mir wichtig, dieses Thema einmal öffentlich zur Diskussion zu stellen.
Der Schutz des geistigen Eigentums ist ein wichtiger Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Wir begegnen ihm vielerorts, oft auch dort, wo wir ihn gar nicht vermuten. In den letzten Jahren ist er vermehrt ein Thema geworden, weil Kopien von Markenartikeln aus China, die hiesigen Märkte überschwemmten. Die Chinesen kopierten Alles: Musik, Filme, Jeans, Mode, Uhren, Computerspiele und Software und sogar Autos. Mit nichts war und ist ihr Nachahmungseifer aufzuhalten. Auf ähnlichem Nährboden wurde einst das japanische Wirtschaftswunder möglich, bis die Japaner damit begannen, eigene Ideen umzusetzen. Nichts erinnert heute bei Sony an die amerikanischen Transistorradios, die sie in den 50iger Jahren kopiert haben. Eben so wenig erinnern heute japanische Autos an ihre amerikanischen Vorbilder. Auch bei den Chinesen ist langsam ein Trend weg vom Kopieren hin zu eigenen Entwicklungen zu beobachten. Den Aufstieg zur Wirtschaftsmacht haben sie aber teilweise dem Diebstahl geistigen Eigentums zu verdanken. Man kann jetzt mit Fug und Recht behaupten, dass dieser Diebstahl zig Millionen Chinesen das Entkommen aus der Armut ermöglichte, aber vor dem Gesetz war und ist dies Diebstahl.
Und nun komme ich zum eigentlichen Thema. Bei meinem Thema geht es nicht um Armut oder Reichtum, denn die Protagonisten sind weder vom Einen noch vom Anderen betroffen. In den Kampfkünsten ist es weitaus schwieriger, geistiges Eigentum zu definieren, denn immerhin weisen die meisten der über 400 Stile Gemeinsamkeiten auf. Auch innerhalb der Stile gibt es verschiedene Strömungen. Betrachten wir beispielsweise den Hung Gar-Stil, stellen wir fest, dass sich auch dieser Stil von Beginn an in verschiedene Richtungen weiterentwickelt hat. Heute wird der Stil von vielen Meistern repräsentiert. In Hong Kong hatten sich Lam Jo, Lau Jaam, Kong Bucksam oder Chiu Kao einen Namen gemacht. Auf dem Festland waren dies unter anderem Wu Shaoquan, Huang Daxiong oder Lam Yaan. Ihre Abkömmlinge verbreiten heute Hung Kuen in Hong Kong, China und dem Rest der Welt. Das Hung Kuen dieser Meister unterscheidet sich aber meist in einigen Punkten. Unwesentlich sind Interpretationen der Ausführungen, die sind bei der Weitergabe von Generation zu Generation normal. Was ich meine, sind Spezialitäten oder Formen, die es nur in der Linie eines bestimmten Repräsentanten gibt. In der Linie von Lam Jo gibt es zum Beispiel die Bang Bo Kuen, eine dem Tang Lang entlehnte Form, die Lam Jo in seine Linie integriert hat, oder die Dan Do/Chin Cheung-Partnerübung, die er selbst entworfen hat. Auch mein Sigong Wu Shaoquan hat eigene Formen in seine Linie integriert, so unter anderem die Yap Mun Kuen, eine Einstiegsform oder die Sheung Tau Man Fu Guan, eine Stockform. Kenner der verschiedenen Hung Kuen-Linien können solche Formen meist dem Urheber zuordnen.
Umso erstaunter war ich nun, dass es seit Kurzem ein Lehrvideo (http://www.youtube.com/watch?v=Nqq7DHPbP40) von der Yap Mun Kuen gibt. In der Videobeschreibung heisst es, dass es sich um die erste Form des Stils handelt. Allerdings stammt das Video nicht aus der Linie meiner Sifu Wu Meiling resp. ihres Vaters Wu Shaoquan. Boshaft wie ich bin, dachte ich erst mal: Aha, dieser Grossmeister war mal ein Schüler meines Sigong, aber das wäre dann doch wieder polemisch. Die Antwort ist etwas simpler. Der Protagonist des Videos und heutige Schüler von Grossmeister Chiu lernte früher mal anderswo. Einerseits finde ich es gut, dass etwas von früher bei ihm hängen geblieben ist, andererseits frage ich mich aber, wie moralisch es ist, die Zelte an einem Ort abzubrechen, an einem neuen Ort wieder aufzuschlagen und das früher Gelernte einfach der Linie des neuen Ortes zuzuordnen. Nun ist es ja auch nicht so, dass man beim Hung Kuen in linienspezifischen Formen neue Techniken finden würde, aber die Komposition der bekannten Techniken ist in dieser Form einmalig, sprich es gibt für den Fachkundigen typische Erkennungsmerkmale, die eine Zuordnung zu einer bestimmten Linie zulässt..
Grundsätzlich bin ich dafür, dass in den Kampfkünsten nicht über geistiges Eigentum diskutiert werden sollte. Andererseits erwarte ich aber, dass Prinzipien, die von vielen Kampfkünstlern immer wieder angemahnt werden, auch in solchen Dingen eingehalten werden: Ich spreche da unter anderem von Wude, der Kampfkunsttugend. Zu Tugenden zähle ich auch Dinge wie Ehrlichkeit, Offenheit und dem Akzeptieren der eigenen Vergangenheit. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich ein einsamer Rufer in der Wüste bin, aber vielleicht lernt der Eine oder Andere, zu seiner Vergangenheit zu stehen und das Gelernte auch der Herkunft entsprechend zu verkaufen.